I
Über den unzähligen Himmeln (opak, schiefergrau bis bleiern)
von Urbino bis Cagliari,
vom winzigen Zimmer mit Blick auf einen dunklen Innenhof,
das Laken zerwühlt, die Kaffeetasse schmutzig,
von schmiedeisernen Türen, die sich schwer öffnen lassen,
als stemmten sich Jahrhunderte dagegen,
vom Getöse der Flugzeuge, die stündlich über die Stadt fliegen,
und Bewohnern, die sich längst im Lärm eingerichtet haben,
dem aufgebrochenen Koffer der vergangenen Tage,
den Schatten, die über die Hauswand hinwegjagen.
II
Über die zwanzig B-17, die entlang der Achse Bonaria-Castello-Stampace flogen,
die eine tiefe Kratergrube auf der Piazza Costituzione hinterließen,
und weitere vielleicht 85 Flugzeuge, die in nur zwei Stunden
123 Tonnen Bomben abwarfen.
Steige ich unter dem einst zerbrochenen Triumphbogen
die monumentale Treppe des Bastione di Saint Remy hinauf,
halte inne auf der Loggia,
taste mit Augen und Händen das Brückengeländer ab,
das mich vom Hafen und den Lagunen trennt,
über die Krähne in den Himmel ragend,
verschwende meine vergänglichen Augen ans Meer,
das vom Himmel nicht mehr zu unterscheiden ist.
III
Von den zahlreichen Cafés,
säuberlich gedeckten Tischen der Trattorias,
die darauf warten, dass verschwitzte Touristen wie Wespenschwärme auf sie einfallen,
zwischen steifen Stoffservietten und klebrigem Papier,
von den von der Sonne ausgedörrten, vor sich hindämmernden Fassaden in Ocker, Rosa, Türkis und Gelb,
von den Palazzi mit wuchtigen Balkonen aus Schmiedeeisen,
dröhnender Musik, die das Sanftmütige gierig verschlingt
wie Tantalos, gefangen in einer unaufhörlichen Spirale von Hunger und Durst,
niemals Befriedigung erfahrend.
Die an alten Mauern angebrachten Satellitenschüsseln, Klimaanlagen, Wäscheleinen – hastige Einschreibungen: Improvisierte Moderne.
Oberflächen, deren Farbigkeit je nach Stunde und Sonne kippt
von Gold über Asche bis zu tiefem Rostrot.
IV
Von den Kathedralen, nachts,
wenn endlich Stille in die Gassen einkehrt,
Laternenlichter gelblich aufflammen,
von den zwei kleinen Löwenfiguren, die die
Cattedrale di Santa Maria e Santa Cecilia bewachen,
aus hell-beigem Kalkstein, streng ziseliert,
erheben sich Arkaden, ein strenges Giebelfenster,
über das milchiges Licht fließt.
Vor dem verschlossenen Portal
eine Hand, die entschlossen gegen die Tür schlägt:
Padre, potrebbero aprirli.
Ho cantato qui: Fauré, Verdi, Puccini.
Und eine andere Hand die öffnet – unerwartet, den Blick frei gebend auf:
Stuck, Marmorintarsien, üppige Kapellen,
unterirdische Krypten mit Reliquien
pisanisch, aragonisch, spanisch, piemontesisch,
jede Macht hat ein Stück Geschichte hinterlassen.
Vom italienischen Blau, wie ein Band weit über Regionen gespannt
von der Antike ins Heute
fliegt ein Vogel leicht und beherzt
der Sonne entgegen
die Flügel weit gespannt
will er die Sorge des Ikarus nicht kennen,
als sei die Sonne nie ein Feind für ihn gewesen
fühlt er den Wind, der über die Städte jagt
ihn weit auffliegen lässt
segelt er dahin
ohne Grenze, ohne festes Land
ohne Ziel
unschuldig unter seinen metallenen Füßen.