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Niemals, trotz allem, niemals schläft die Seele. Die Schlaflosigkeit ist für das Denken unendlich kostbar. Sie ist sogar ein Zustand erhöhten Bewusstseins — ein wachsamer Wächter, während die anderen schlafen. In der Nacht schärfen sich unsere Gedanken. Siehst du nicht, wie auf intime, erschreckende und herzliche Weise sie mit dir spricht — die Nacht, die tiefe Mitternacht?
Anne Dufourmantelle schreibt: Aber worüber wacht sie eigentlich, diese unruhige Seele, die sich nicht der Ruhe überlassen kann. Welches Begehren jenseits des Begehrens erinnert sich da an sie?
Die Schlaflosigkeit gehört eher zum Dazwischen des Lebens, zu den Momenten, wo man seine eigene Existenz nicht bewohnt, ohne sich jedoch von der "Sorge um sich" lösen zu können. Und wenn die Schlaflosigkeit etwas wünschenswertes wäre?
In Platons Höhlenmythos muss derjenige, der sich den projizierten Bildern an der Höhlenwand zuwendet (um zu verstehen, von woher das wirkliche Licht kommt), sich mit dem Sarkasmus der anderen auseinandersetzen und allein nach oben gehen. Schlaflosigkeit ist aus der Einsamkeit gemacht: es handelt sich darum, über unser Lebendigsein zu wachen - weit entfernt von jenen multiplen Loyalitäten, denen wir seit unserer Kindheit gehorchen.
Am 12. August schiebt sich der Mond zwischen Sonne und Erde. Das Licht wird vielleicht grau, vielleicht unwirklich, vielleicht erlebbar, erfahrbar als Zwielicht, vielleicht lese ich die weißen Nächte von Dostojewski und warte,
warte auf diesen Zustand des dazwischen, auf das, was wach bleibt in mir, selbst, wenn sich das Sonnenlicht verhüllt
Jean-Luc Nancy, Schlaflosigkeit als Denken
Frédéric Chopin, Nocturne Nr. 1 in B-Dur
Friedrich Nietzsche, über die Mitternacht
Fotografie: Annette Boutellier (Archivio Fotografico - Fondazione Musei Civici di Venezia)




