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27.10.25

198

Ich bin du, wenn ich ich bin
(Paul Celan)

Nicht die Nacht ist es, sondern die Schwere
in der Leichtigkeit des Morgens

Unentschieden ob Bacchus oder Hieronymus
heben sich meine Lider, flatternd im Lichtstrahl, zu dir

Unter der halbkugelförmigen Kuppel des Pantheons
wo der Himmel seit 2000 Jahren täglich durch das Oculus fällt


07092025

197

I
Über den unzähligen Himmeln (opak, schiefergrau bis bleiern)
von Urbino bis Cagliari,
vom winzigen Zimmer mit Blick auf einen dunklen Innenhof,
das Laken zerwühlt, die Kaffeetasse schmutzig,
von schmiedeisernen Türen, die sich schwer öffnen lassen,
als stemmten sich Jahrhunderte dagegen,
vom Getöse der Flugzeuge, die stündlich über die Stadt fliegen,
und Bewohnern, die sich längst im Lärm eingerichtet haben,
dem aufgebrochenen Koffer der vergangenen Tage,
den Schatten, die über die Hauswand hinwegjagen.


II
Über die zwanzig B-17, die entlang der Achse Bonaria-Castello-Stampace flogen,
die eine tiefe Kratergrube auf der Piazza Costituzione hinterließen,
und weitere vielleicht 85 Flugzeuge, die in nur zwei Stunden
123 Tonnen Bomben abwarfen.
Steige ich unter dem einst zerbrochenen Triumphbogen
die monumentale Treppe des Bastione di Saint Remy hinauf,
halte inne auf der Loggia,
taste mit Augen und Händen das Brückengeländer ab,
das mich vom Hafen und den Lagunen trennt,
über die Krähne in den Himmel ragend,
verschwende meine vergänglichen Augen ans Meer,
das vom Himmel nicht mehr zu unterscheiden ist.

III
Von den zahlreichen Cafés,
säuberlich gedeckten Tischen der Trattorias,
die darauf warten, dass verschwitzte Touristen wie Wespenschwärme auf sie einfallen,
zwischen steifen Stoffservietten und klebrigem Papier,
von den von der Sonne ausgedörrten, vor sich hindämmernden Fassaden in Ocker, Rosa, Türkis und Gelb,
von den Palazzi mit wuchtigen Balkonen aus Schmiedeeisen,
dröhnender Musik, die das Sanftmütige gierig verschlingt
wie Tantalos, gefangen in einer unaufhörlichen Spirale von Hunger und Durst,
niemals Befriedigung erfahrend.
Die an alten Mauern angebrachten Satellitenschüsseln, Klimaanlagen, Wäscheleinen – hastige Einschreibungen: Improvisierte Moderne.
Oberflächen, deren Farbigkeit je nach Stunde und Sonne kippt
von Gold über Asche bis zu tiefem Rostrot.

IV
Von den Kathedralen, nachts,
wenn endlich Stille in die Gassen einkehrt,
Laternenlichter gelblich aufflammen,
von den zwei kleinen Löwenfiguren, die die
Cattedrale di Santa Maria e Santa Cecilia bewachen,
aus hell-beigem Kalkstein, streng ziseliert,
erheben sich Arkaden, ein strenges Giebelfenster,
über das milchiges Licht fließt.
Vor dem verschlossenen Portal
eine Hand, die entschlossen gegen die Tür schlägt:
Padre, potrebbero aprirli.
Ho cantato qui: Fauré, Verdi, Puccini.
Und eine andere Hand die öffnet – unerwartet, den Blick frei gebend auf:
Stuck, Marmorintarsien, üppige Kapellen,
unterirdische Krypten mit Reliquien
pisanisch, aragonisch, spanisch, piemontesisch,
jede Macht hat ein Stück Geschichte hinterlassen.
Vom italienischen Blau, wie ein Band weit über Regionen gespannt
von der Antike ins Heute
fliegt ein Vogel leicht und beherzt
der Sonne entgegen
die Flügel weit gespannt
will er die Sorge des Ikarus nicht kennen,
als sei die Sonne nie ein Feind für ihn gewesen
fühlt er den Wind, der über die Städte jagt
ihn weit auffliegen lässt
segelt er dahin
ohne Grenze, ohne festes Land
ohne Ziel
unschuldig unter seinen metallenen Füßen.


30.07.25

195

Die vielfältigen Höhenflüge, wie ein Turmfalke umkreisen wir, so denke ich, die immerselben Gedanken, äugen wir nach Beute, wie nach dem trefflichen Wort oder nach dem (einen) leuchtenden oder opaken Farbton, den wir lange gesucht, glücklich gefunden, und der uns jäh berauscht, aufsehen lässt. Sind die Gedankengänge immer anders, neu und frisch?

(Oder werden sie es durch die Landschaften und Orte, in denen Begegnungen stattfinden: Wir stürzen in die Tiefe, jagen etwas Schönem nach.)


29.05.25

196

Morgen gebe ich Zettelstraum auf,
obschon ich diesen Traum nicht im geringsten aufgeben mag
:
Ich will den flatternden Papierseiten und Notenblättern nachjagen (hier und an jedem anderen Ort …)

Umgeben von diesen vielfältigen Blautönen, die ich sehe, sobald ich die Augen aufschlage oder die Fensterflügel öffne.


18.05.25

197

Das Subjekt ist das menschliche Wesen, das sich darin inszeniert,
als Autor des Gemalten aufzutreten. Das Su(b)je(k)t ist auch
derjenige, der es betrachtet.

Vielleicht, so schreibt Roland Barthes, muss man präzisieren: Die Subjekte, die das Bild betrachten sind mannigfaltig. Von ihren Subjekttypen hängt der Diskurs ab, den sie (innerlich) vor dem betrachtenden Gegenstand halten. Und so gibt es das Subjekt der Kultur, der Bildung, wie das Subjekt der Spezialisierung, das die Geschichte, der Malerei gut kennt und das Subjekt des Vergnügens, das sich vor dem Bild erfreut, das bei seinem Erblicken ein Jubilieren verspürt ...

Indem ich also den Gedanken von Roland Barthes weiter nach gehe, könnte ich also bei näherer Betrachtung sagen: Ich beobachte, wie sich diese Subjekte zum Bild verhalten, wie sie sich in das Bild hineinbegeben, – das Papier gibt nach, knistert –, wie sie sich positionieren, wie sich ihr Blick rasch in das Bild versenkt, in dem sie den Kopf heben, oder zur Seite neigen, als müssten sie einen jäh auftauchenden Gedanken abwägen, wie sie die Hände ineinander verschränken, oder tief in die Hosentaschen stecken, wie sie die Arme ausbreiten, den Finger in einer nachdenklichen Geste zum Mund führen, – gleich einem Dirigenten – die Arme freudig nach oben schnellen, wie sich die Hände in kindlicher Freude zu Fäusten ballen, und mannigfaltige Blicke auf das Bild fallen: der feste, determinierte Blick, der beredte, durchdringliche oder der sacht, also behutsam das Bild abtastenden Blick, gefolgt von einem leicht geöffneten Mund als Ausdruck eines Staunes oder intensiven Vergnügens.

Dieses intensive Vergnügen finde ich in der Leichtigkeit der Form:
der Grund, im Papier, auf dem der Maler mit schwarzen Pinselstrichen
zeichnet und in dem ich mich, in diskretem Abstand umhüllt, wiederfinde.
Ich verlasse diese Form nicht, ohne ein Lächeln, und nicht, ohne mich
noch einmal umzusehen.


02.03.25

194

Das Beunruhigende, das Unversöhnte, Rätselhafte in uns wachsen lassen, vor dem das gewöhnliche Auge das Leben verschließt, worüber es hinweggeht, zur Tagesordnung schreitet.

Jan Patocka, Kritische Essays zur Philosophie der Geschichte


01.03.25

193

Mit dem ganzen Körper die Pulsschläge der Natur hören. Zeugin sein, wie die kalte Meeresströmung vom Grunde des Bodens aufsteigt. Wie die Wellenkämme immer höher steigen, abfallen und verebben. Wie die Sanftheit sich gibt.